Weihnachtsbotschaft des Patriarchen von Moskau und der ganzen Rus‘ Kirill

Weihnachtsbotschaft des Patriarchen von Moskau und der ganzen
Rus‘ Kirill an die Oberhirten, Hirten, Diakone, Mönche und
Nonnen und alle treuen Kinder der Russischen Orthodoxen Kirche

Im Herrn geliebte Oberhirten, hochwürdige Priester und Diakone,
gottliebende Mönche und Nonnen, liebe Brüder und Schwestern!

Herzlich gratuliere ich euch allen zum hellen Fest der Geburt Jesu Christi.
Heute jauchzt die himmlische und die irdische Kirche, da sie sich auf das
Kommen des Herrn und Heilands in die Welt freut, Gott Preis und
Danksagung für Seine Gnade und Liebe zum Menschengeschlecht
darbringt. Mit geistlichem Schauer horchen wir in die Worte des Gesangs
hinein: „Christus wird geboren, lobpreiset Ihn! Christus kommt vom
Himmel – begegnet Ihn!“ (Irmos des Kanons zur Geburt Christi). Mit
Ehrfurcht und Hoffnung schauen wir auf die Höhle von Bethlehem, wo in
der armseligen Krippe das in Windeln gewickelte Gotteskind liegt.
Heute ist wahrhaftig vollzogen „das große Geheimnis der Frömmigkeit:
Gott hat sich offenbart im Fleisch, hat Sich gerechtfertigt im Geist, hat sich
gezeigt den Engeln“ (1 Tim 3, 16). Es ist unmöglich, bis zum Ende mit der
Vernunft in das Geheimnis der Fleischwerdung Gottes einzudringen. Es ist
unmöglich, in vollem Maße zu begreifen, wie Jener, der die Lebensquelle
für alles Seiende ist, heute durch das Atmen der Tiere gewärmt wird! Der
Schöpfer des Weltalls demütigt Sich, indem Er die Gestalt eines Geschöpfs
annimmt! Der Sohn Gottes wird zum Sohn des Menschen! „Forsche nicht,
wie das ist, – warnt der heilige Bischof Johannes Chrysostomos, – wo Gott
will, dort wird die Naturordnung besiegt. Er wollte, konnte, stieg herab
und rettete. Alles gehorcht Gott. Heute wird der Seiende geboren, und der
Seiende wird das, was Er nicht war. Als Gott wird Er zum Menschen,
wobei Er nicht aufhört, Gott zu sein“ (Homilie zur Geburt unseres
Heilands Jesu Christi).
Indem wir das welterlösende Fest der Geburt Christi begehen, bedenken
wir seinen unvergänglichen geistlichen Sinn und seine Schlüsselbedeutung
für die ganze Menschheit. Und das ist wahr. Aber es ist auch wichtig, die
persönliche Dimension, die das Geheimnis der Menschwerdung für jeden
uns hat, zu begreifen, denn wir wenden uns nicht zufällig mit Gebeten an
den Herrn, in denen wir Ihn unseren Erlöser heißen.
Wir wissen aus Erfahrung, dass der Mensch unfähig ist, das Übel in sich
selbst zu überwinden, wie beharrlich auch immer er sich anstrengt, es zu
tun. Die Sünde, die die Seele tief getroffen und die menschliche Natur
geschädigt hat, kann nicht durch irgendwelche spirituellen Praktiken und
psychologische Trainingsmethoden überwunden werden. Nur Gott allein
ist imstande, den ganzen Menschen zu heilen und ihn in erstgeschaffener
Schönheit wiederherzustellen. „Wofür denn zog unser Herr das Fleisch
an?“ – fragt sich der hl. Ephraim der Syrer und antwortet: „Damit das
Fleisch selbst die Freude des Sieges kostet und damit es mit Gnade erfüllt
wird und die Gnadengaben erkennt, … damit die Menschen wie beflügelt
zu Ihm auffahren und in Ihm allein Beruhigung finden“ (Auslegung der
Vier Evangelien, Kapitel 1.). Die Menschwerdung Christi befreit von der
Sündenknechtschaft und eröffnet den Weg zur Errettung.
„Ich bin das Licht, in die Welt gekommen, damit jeder, der an Mich glaubt,
nicht in der Finsternis bleibt“ (Jo 12, 46) – bezeugt der Herr. Dem lichten
Stern von Bethlehem ähnlich, der die Weisen aus dem Orient aus fernen
Landen zum Gotteskind Jesus herführte, sind wir Christinnen und
Christen als wahre Söhne und Töchter des Lichtes (Jo 12, 36) aufgerufen,
diese Welt mit dem Licht des Glaubens zu erleuchten (Mt 5, 14), damit die
uns Umgebenden, indem sie das Beispiel unserer Beständigkeit und des
Muts, der Langmut und geistigen Adels, der Großmütigkeit und
ungeheuchelten Liebe zu den Nächsten sehen, „Gott verherrlichen am Tag
der Heimsuchung“ (1 Pet 2, 12).
Heute, da die Völker der Erde die schwere Prüfung einer neuen Krankheit
durchmachen, da die Herzen der Menschen von Angst und Sorge um die
Zukunft gefüllt sind, ist es für uns besonders wichtig, das gemeinsame und
das private Gebet zu verstärken, dem Herrn das inständige Werk der
Wohltaten darzubringen. Viele unserer Brüder und Schwestern sind heute
wegen der verderblichen Seuche der Möglichkeit beraubt, die Kirchen zu
besuchen. Lasst uns für sie Bitten an den Barmherzigen Schöpfer richten,
dass Er ihre seelischen und körperlichen Kräfte erneuere, den Kranken
baldmöglichste Heilung schenke, den Ärzten und allen medizinischen
Mitarbeiterinnen und -arbeitern, die mit Selbsthingabe um ihre Gesundheit
und ihr Leben kämpfen, Seine Hilfe herabsende.
Erinnern wir uns, dass keine Probleme fähig sind, den Geist des Menschen
zu brechen, wenn er den lebendigen Glauben bewahrt und in allem auf
Gottes Willen vertraut. Deswegen nehmen wir ohne Murren die uns
auferlegten Prüfungen hin, denn, wenn wir auf Ihn hoffen, wird Er uns zur
Heiligung sein, denn mit uns ist Gott (Ordnung der Großen Komplet), wie
die Kirche Christi in diesen heiligen Weihnachtstagen singt. Lasst uns
beten, dass das unvergängliche Licht der Gottheit auch die armselige
Höhle unseres Lebens erleuchtet, dass auch unser zerknirschtes und
demütiges Herz – wie die Krippe von Bethlehem – mit Ehrfurcht den in
Welt gekommenen Erlöser empfängt.
Gott wird es nicht eng im Herzen des Menschen, wenn es mit Liebe erfüllt
ist. „Der die Liebe tut, wird zum Hausgenossen der Engel und wird mit
Christus herrschen“ – bezeugt der ehrwürdige Ephraim der Syrer (Homilie
über die Tugenden und Laster, 3). Mögen die heiligen Festtage für uns eine
besondere Zeit zum Vollzug guter Werke werden. Lasst uns diese
gnadenreiche Möglichkeit nutzen und den geborenen Jesus Christus
preisen, indem wir Barmherzigkeit für die Nächsten zeigen, den
Notleidenden Hilfe leisten, die Trauernden trösten, und womöglich in
erster Linie diejenigen, die an der Corona-Infektion oder ihren Folgen
leiden.
Möge der Herr die Völker der Erde mit dem Licht Seiner Erkenntnis
erleuchten, sie mit Frieden segnen und uns allen helfen, uns der
gemeinsamen Verantwortung für die Gegenwart und die Zukunft des
Planeten bewusst zu werden. Möge das neugeborene Gotteskind in unsere
Familien Liebe und Eintracht herabsenden, unsere Jugendlichen und uns
alle vor Sünden und gefährlichen Irrtümern beschirmen. Noch einmal
gratuliere ich euch herzlich, meine Lieben, zum lichthellen Fest der Geburt
Christi und wünsche allen starke Gesundheit, unerschöpfliche Freude und
ausgiebigen Beistand von Gott, dem wahren Licht, das jeden Menschen
erleuchtet, der in die Welt kommt (Jo 1, 9). Amen.

† KIRILL
PATRIARCH VON MOSKAU UND DER GANZEN RUS‘

Weihnachten
2020/2021
Moskau